Stellen Sie sich eine kleine Brücke aus Lego-Steinen vor. Der Pfeiler auf der linken Seite der Brücke ist kürzer als der Pfeiler auf der rechten Seite. Die Brücke ist asymmetrisch und dadurch instabil. Wenn Ihre Aufgabe wäre, die Konstruktion zu verbessern, was würden Sie tun?
Wenn Sie wie die meisten Menschen sind, würden Sie wahrscheinlich nach zusätzlichen Lego-Steinen greifen, um die kurze Seite zu erhöhen und die Brücke so wieder ins Gleichgewicht zu bringen. So machte es auch die große Mehrheit der Teilnehmer 2021 in einem Experiment von Leidy Klotz und seinem Team an der University of Virginia. Doch es gibt eine viel elegantere Lösung: Die Brücke wird auch dann wieder stabil, wenn man einfach einen Stein auf der höheren Seite entfernt.
In unserem Denken übersehen wir systematisch die Möglichkeit, Probleme durch Weglassen zu lösen. Unsere erste Reaktion ist fast immer, etwas hinzuzufügen. Mehr Funktionen, mehr Besprechungen, mehr Regeln, mehr Maßnahmen. Dabei kann Weglassen genauso wichtig, oft sogar effektiver sein als Hinzufügen. Die Kunst liegt nicht nur darin zu erkennen, was fehlt, sondern auch darin zu sehen, was überflüssig ist.
Was nichts bringt, kommt weg
In der Schulentwicklung fasst dieser Ansatz ebenfalls langsam Fuß. Im März 2025 erschien das Buch „Weniger macht Schule: Wie De-Implementierung schulische Freiräume schafft“ des Schulpsychologen Benedikt Wisniewski. In einem Beitrag für das Deutsche Schulportal der Robert Bosch Stiftung fasst er seinen Ansatz wie folgt zusammen:
„Wie kann es gelingen, die Qualität der Bildung nicht nur zu sichern, sondern sogar zu verbessern? Eine Möglichkeit besteht darin, den wachsenden Schatz empirischer Bildungsforschung zu verwenden, um zu identifizieren, welche schulischen Praktiken tatsächlich wirken – und welche nicht. Nicht subjektive Vorlieben, ideologische Orientierungen oder pädagogische Traditionen sind das ausschlaggebende Kriterium, sondern ausschließlich die empirisch bestimmbare Wirksamkeit. Oder kurz: Was nichts bringt, kommt weg.“
Die gleiche Herangehensweise verfolgen wir auch bei Weitblick seit vielen Jahren. Geschaut wird konsequent durch die Wirksamkeitsbrille. Wofür gibt es empirische Befunde? Was hilft einer Schule wirklich, wenn sie es tut? Bei vielen typischen Maßnahmen ist das nicht der Fall.
Loslassen kann schmerzhaft sein
Für manche Schulen ist dieser Moment ein kritisches Erwachen. Sie erfahren, dass einiges von dem, was sie bisher getan haben, eigentlich nicht wirksam ist. Ein klassisches Beispiel sind abschreckend konzipierte Vorträge, etwa von ehemaligen Suchtkranken, oder Ausflüge zu Einrichtungen.
Diese lassen sich bequem in den Schulalltag einfügen oder sich mit ohnehin vorgesehenen Ritualen wie Projekttagen verbinden. Sie weisen allerdings wenige Merkmale wirksamer Prävention auf, da sie zum Beispiel keine wissenschaftliche Basis aufweisen, nur singulär stattfinden und oft nicht einmal zum Mitgestalten einladen – vor allem, wenn sie nicht in der Klasse nachbesprochen werden.
Selbst Schulen, die sich Entlastung und deswegen Beratung dazu wünschen, was sie weglassen könnten, erschrecken sich oft in diesen Momenten. Sie merken, dass viele Angebote, die sie mit besten Absichten gestartet haben, inzwischen auch eine emotionale Wirkung entfaltet haben. Sie sind eine seit vielen Jahren gewachsene Schultradition, eine erfolgreiche Kooperation mit regionalen Partnern oder auch nur eine gute Erinnerung für alle Beteiligten. Hier loszulassen, weil die Schulentwickler sagen: das wird wenig Wirkung erzielen, kann schmerzhaft sein.
Drei Perspektivwechsel, die beim De-Implementieren helfen
In den drei Jahren, in denen wir Weitblick nun bereits an über 70 Schulen anstoßen durften, haben wir festgestellt, dass ein Perspektivwechsel helfen kann, den Trennungsschmerz zu lindern. Nicht nur dadurch, dass wir als Prozessbegleitungen einen Blick von außen beitragen, der manchmal für den nötigen Aha-Effekt sorgt. Sondern auch, weil es ja nicht nur um Loslassen geht.
Der erste Perspektivwechsel, den wir in diesen Situationen einbringen können, ist: Es geht nicht nur darum, insgesamt weniger zu machen, sondern weniger, aber das dafür gut zu machen. Oft stellen wir bei der Ist-Stand-Analyse fest, dass die Schule bereits einige sehr wirksame Maßnahmen ergriffen hat, aber sie nur an einigen Stellen einsetzt, zum Beispiel ein Peer-Learning-Programm, das aber nur in einer Klasse genutzt wird. Vielleicht lassen sich solche Maßnahmen auf alle Klassen ausweiten?
Der zweite Perspektivwechsel kann sein, von einem Interventions- zu einem Präventionsverständnis zu kommen. Viele Angebote an Schulen sind aus einer Interventionslogik entstanden: Weil in den achten Klassen Gewalt auf dem Schulhof beobachtet wurde, gibt es inzwischen immer in der achten Klasse ein Anti-Gewalt-Training in der Projektwoche. Dabei könnte vielleicht eine Stärkung des prosozialen Verhaltens bereits in der fünften Klasse viel wirksamer sein.
Der dritte Perspektivwechsel kann darin bestehen, die Schülerinnen und Schüler zu fragen. Wie hilfreich empfinden sie bestimmte Maßnahmen? Nicht selten erleben wir in Workshops, dass die Jugendlichen ihren erstaunten Lehrkräften zurückmelden, dass sie bei Angeboten wenig Neues lernen. Wer weiß, dass eine Maßnahme nicht zielgruppengerecht ist, dem fällt der Abschied leichter.
Die Rolle der Prozessbegleitung
Loslassen kann etwas enorm Erleichterndes sein. Sie als Schule dürfen weniger machen. Wenn wir wirkungslose Dinge weglassen, arbeiten wir nicht nur evidenzbasiert, wir sind auch mutig. Wir schonen unsere Ressourcen und haben eine Klarheit darüber, wo wir hinwollen. Wir machen bestimmte Dinge nicht, aber dafür die richtigen.
Bei all dem darf man nicht vergessen, dass De-Implementierung keine einmalige Aktion ist. Nach dem Motto: Wir lassen das jetzt weg und schauen nie wieder zurück. Genau wie das Hinzufügen von Programmen, ist es ein Prozess, der begleitet werden will. Was wir als Prozessbegleitungen auch gerne tun.
Und natürlich haben wir Verständnis, wenn sich manche Schulen von einzelnen liebgewonnenen Maßnahmen doch nicht trennen wollen. Zumindest nicht sofort. Das liegt auch in der Natur von Prozessen. Gedanken dürfen auch mitgenommen werden, und dann erstmal arbeiten.
Wer sich tiefer zu diesem Thema informieren will, dem empfehlen wir den Artikel “Eskalation der Verpflichtung: Warum Schulen an ineffektiven Präventionsprogrammen festhalten und wie man dagegen vorgehen kann” der FINDER Akademie.
Autorinnen: Karen Brünger und Franziska Ziep
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