KI-gestützte Schulentwicklung: Evaluationsdaten als direktes Feedback einsetzen

7. Mai 2026
Eine Hand schreibt auf einem Papier, das auf einem Tisch liegt. Darüber liegen zwei laminierte Zettel, auf einem steht "Das läuft gut", auf dem anderen "Schulsche Infrastruktur"

Datenbasierte Schulentwicklung, die nicht bei der Evaluation endet, sondern dort beginnt? Genau das erproben wir bei Weitblick. Wir lassen die Evaluationsdaten über unseren Präventions- und Schulentwicklungs-Ansatz nicht nur erheben, sondern wir teilen sie auch mit den teilnehmenden Schulen und lernen daraus. In Zukunft soll ein KI-gestütztes Dashboard dabei helfen, Daten zugänglicher zu machen, sie gemeinsam zu interpretieren und den Prozess weiterzuentwickeln. 

Weitblick: Schulen auf dem Weg zu evidenzbasierter Prävention 

Im Weitblick-Prozess begleiten wir Schulen über zwei Jahre dabei, bedarfsgerechte, wissenschaftlich belegte Präventionsprogramme und Maßnahmen auszuwählen und umzusetzen. Jede Schule wird von einer persönlichen Prozessbegleitung unterstützt und durchläuft gemeinsam mit ihrer Steuergruppe einen teilstandardisierten Prozess – von der Bedarfsermittlung über die Ziel- und Maßnahmenentwicklung und deren Umsetzung bis zur Auswertung. Parallel dazu steht eine Online-Plattform zur Verfügung, auf der alle relevanten Materialien, Dokumente und E-Learnings zentral gebündelt sind. 

Wir wollen aber nicht nur Schulen bei evidenzbasierter Prävention unterstützen – wir wollen selbst einen evidenzbasierten Begleitungsprozess anbieten. Das bedeutet: von Evaluationserkenntnissen profitieren, Daten nutzen, um uns zu verbessern, und die Lücke zwischen Wissenschaft und Praxis auch für unsere eigene Arbeit schließen. 

Implementationsbegleitung in Echtzeit: warum zeitverzögertes Feedback nicht reicht 

Wir arbeiten seit Beginn des Projekts eng mit der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) zusammen, die Weitblick extern evaluiert. Dabei werden, unter anderem, Mitglieder der Steuergruppen, die an jeder Schule den Weitblick-Prozess gestalten, zu förderlichen und hemmenden Einflussfaktoren dieses Prozesses befragt. Erfasst werden unter anderem die Effizienz der Zusammenarbeit innerhalb der Gruppe und die Einschätzung der Steuergruppenmitglieder zur Veränderungsbereitschaft der Schule. 

Ein grundsätzliches Problem in der Implementation von Präventionsansätzen an Schulen: Selbst, wenn Evaluationsdaten während des Prozesses erhoben werden, fließen sie selten zeitnah in die Praxis zurück — und noch seltener erreichen sie die Schulen in einer Form, mit der sie selbst arbeiten können. 

Der entscheidende Schritt: Mit der MHH haben wir Feedbackloops installiert, sodass wir die Daten nicht erst am Ende eines Zyklus bekommen, sondern schrittweise – als aggregierter Bericht über alle Schulen hinweg und als schulindividueller Bericht für jede Prozessbegleitung. So können wir unsere Begleitung laufend verbessern, statt zu warten. 

Das klingt selbstverständlich, ist es aber nicht. Für uns war der Moment, als wir im Juli 2024 die ersten Daten aus 29 Schulen erhielten, ein echter Aha-Moment. Inzwischen liegen uns bereits Daten aus 57 Schulen vor. 

Aktuelle Befunde aus 57 Schulen: was die Daten über den Begleitungsprozess zeigen 

Die Daten stammen aus der Basiserhebung der Befragung der Steuergruppen, einem von der MHH validierten Instrument (vgl. Röding et al. 2025). Sie liefern schulspezifische Mittelwerte zu förderlichen und hemmenden Einflussfaktoren, die die Implementation von Weitblick an Schulen beeinflussen.

Einige Faktoren, die in der Evaluation betrachtet werden

Was wir sahen: Die Ausgangssituation unterscheidet sich deutlich zwischen Schulen – aber es gibt auch konsistente Muster über alle Schulen hinweg. Einige Einflussfaktoren fielen besonders auf: 

„Persönlicher Zusatznutzen" und „Opportunitätskosten" waren bei vielen Schulen nicht wünschenswert ausgeprägt. Das bedeutet: Manche Steuergruppe erleben den Prozess als aufwendig und der konkrete Mehrwert für die einzelnen Beteiligten bleibt für manche unklar. Wenn der erlebte Aufwand im Vergleich zum Nutzen überwiegt, führt das zu Fluktuation in der Steuergruppe – ein Problem, das wir unbedingt vermeiden wollen.  

„Rückhalt im Kollegium" und „Kommunikation" zeigten sich als wichtige Einflussfaktoren. Auch wenn ein Schulkonferenzbeschluss besteht und die Schulleitung formell Teil der Steuergruppe ist, bedeutet das nicht automatisch, dass das Kollegium den Prozess aktiv mitträgt. Gleichzeitig fehlen häufig Strukturen für eine funktionierende interne Kommunikation innerhalb der Steuergruppe und in die Schulgemeinschaft hinein. 

Datenbasierte Schulentwicklung in der Praxis: was sich verändert hat – und was geplant ist 

Die Erkenntnisse aus der Evaluation haben wir direkt in unser Prozessdesign übersetzt und ein Schulleitungsgespräch als festen Bestandteil eingeführt – noch vor dem eigentlichen Prozessbeginn. Darin klären wir gemeinsam: Welche Kapazitäten stehen zur Verfügung? Gibt es Anrechnungsstunden für die Koordinierenden? Können sich Steuergruppenmitglieder im Schulalltag regelmäßig treffen? Diese Strukturfragen sind für Menschen außerhalb von Schule oft schwer vorstellbar – aber sie sind entscheidend. 

Außerdem geben wir die schulindividuellen Daten direkt an die Schulen zurück: „Das habt ihr uns in eurer Steuergruppe zurückgemeldet – wie schaut ihr auf diese Situation? Was wollen wir verbessern?" Die Steuergruppen kommen dabei meist von selbst auf ihre Barrieren und Herausforderungen. Sie brauchen vor allem eine Gelegenheit zur Reflexion. 

Wir ermutigen die Schulen außerdem, Schulentwicklungstage zu veranstalten. Die Idee: Statt das Kollegium nur zu informieren, wird es aktiv eingebunden. Weitere Personen außerhalb der Steuergruppe aus der Schulgemeinschaft interpretieren Ergebnisse der Schuler:innenbefragung mit uns, wählen Maßnahmen mit aus und gestalten das Präventionskonzept mit. Das soll die Bindung des Kollegiums stärken und damit die Qualität der Implementierung verbessern. 

KI-gestützte Qualitätsentwicklung: ein Dashboard für drei Nutzergruppen 

Der beschriebene Prozess – Daten auswerten, berichten, mit Schulen besprechen – ist bisher aufwendig für alle Beteiligten. Individuelle Berichte über die Ergebnisse der Steuergruppenbefragung werden manuell erstellt, Prozessbegleitungen müssen selbst analysieren, auf der oberen Ebene müssen Muster über alle Schulen hinweg mühsam identifiziert werden. 

Genau hier setzt unser Konzept für ein KI-gestütztes Dashboard an, das wir derzeit entwickeln und erproben. Es existiert bisher als Prototyp. Der Einsatz in der Praxis ist für das kommende Jahr angedacht. Das Ziel: Daten direkt zugänglich machen, mit wenig Aufwand, und dabei alle drei relevanten Beteiligten im Prozess unterstützen. 

Dashboardansicht für Schulen

Schulen sehen auf einen Blick, welche Einflussfaktoren für die Arbeit ihrer Steuergruppe besonders relevant sind. Welche sind gut ausgeprägt? Wo besteht Handlungsbedarf, basierend auf von der MHH definierten Schwellenwerten? Sie sehen die Entwicklung ihrer Daten von der Ersterhebung bis zur aktuellen Messung, erhalten Handlungsimpulse direkt per Klick – und können über einen KI-Assistenten interaktiv weitere Erklärungen oder Impulse abrufen.  

Dieser Assistent greift auf eine Wissensbasis aus Implementationsforschung und dokumentierten anonymisierten Erfahrungen aus der Schulbegleitung zu. So profitiert jede Schule nicht nur von der eigenen Begleitung, sondern auch von dokumentierten Erfahrungen von anderen Weitblick-Schulen. Er ermöglicht Steuergruppen auch, ihre Daten eigenständig zu erkunden und erste Handlungsimpulse zu erhalten – als Vorbereitung auf das Gespräch mit der Prozessbegleitung. 

Dashboardansicht für Prozessbegleitungen

Prozessbegleitungen sehen alle ihre Schulen im Überblick: Wo läuft der Prozess stabil? Wo gibt es Handlungsbedarf? Auch für sie steht ein KI-Assistent zur Verfügung, der auf die gesammelten Erfahrungen aller Prozessbegleitungen und auf Fachliteratur zugreift. Das ist besonders wertvoll, wenn sie viele Schulen parallel begleiten und kollegialer Austausch nicht immer möglich ist. 

Dashboardansicht auf Programmebene

Auf Konzeptionsebene macht das Dashboard Muster über alle Schulen hinweg sichtbar – sowohl durch automatisch generierte Impulse als auch durch eine Heatmap, die eigene Analysen ermöglicht. Auffällige Muster werden gemeinsam mit dem Evaluationsteam geprüft und fließen in die konzeptionelle Weiterentwicklung der Weitblick-Methode ein. 

Eine Randnotiz: Die Entwicklung eines solchen Dashboards wäre mit klassischer Programmierung ohne zusätzlichen IT-Ressourcen kaum leistbar gewesen. KI-gestützte Entwicklungswerkzeuge ermöglichten es, als Praktiker:innen einen funktionsfähigen Prototyp zu erstellen und iterativ weiterzuentwickeln. 

Ausblick: Eigenständige datenbasierte Schulentwicklung 

Wenn der Weitblick-Prozess an einer Schule seinem Abschluss entgegengeht, stellt sich die Frage: Wie kann die Schule die Arbeit an Prävention und Gesundheitsförderung eigenständig fortführen – und dabei weiterhin von strukturierter Unterstützung und wissenschaftlichen Erkenntnissen profitieren? 

Ein Ansatz, den wir verfolgen: Steuergruppen mit vereinfachten, aber wissenschaftlich kompatiblen Erhebungsinstrumenten ausstatten, mit denen sie die Einflussfaktoren auf ihre eigene Arbeit selbst beobachten und bewerten können. Ein Dashboard mit zugänglichen maßgeschneiderten Impulsen könnte dabei eine zentrale Rolle spielen. 

Das Ziel ist ein schulgetragenes, datengestützten Modell: Schulen, die ihre Präventionsstrategien eigenständig reflektieren, anpassen und langfristig aufrechterhalten – und dabei mit der breiteren Evidenzbasis verbunden bleiben.

Dieser Beitrag basiert auf einem Vortrag von Maram Salem und Katrin Hayn im Rahmen der Session „Datenbasierte Prävention zwischen Wissenschaft und Praxis" beim Deutschen Präventionstag 2026. 

Quellen:  

Röding, D., Lenz, MC., von Holt, I. et al. Einflussfaktoren der Implementation von Präventionsstrategien – Validierung eines Messinstruments für den Schulkontext. Präv Gesundheitsf (2025). https://doi.org/10.1007/s11553-025-01208-5 

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