„Daten sind wie ein Fieberthermometer“ – was Armutsforschung und Schulentwicklung verbindet

13. April 2026
Schwarzweiß-Porträt von Gwendolyn Stilling

Gwendolyn Stilling ist Diplom-Politikwissenschaftlerin, Organisations- und Kommunikationsberaterin in Berlin. Im März 2026 hielt sie auf dem Kongress „Armut und Gesundheit“ einen Vortrag zum Thema „Unsichtbar gemacht – wenn junge Menschen und ihre Erfahrungen in Daten und Debatten fehlen“. Ein Thema, das uns bei Weitblick auch sehr am Herzen liegt. Im Interview erklärt sie, wo Sichtbarkeit verlorengeht und warum Daten zu Kindergesundheit und Jugendarmut allein noch keine Politik verändern.

Weitblick Worum ging es in Ihrem Vortrag?

Gwendolyn Stilling In meiner Arbeit beschäftigt mich, dass soziale Probleme durchaus bekannt, benannt und auch medial sichtbar sind. Wir hören viel über Jugendarmut, über die mentale Belastung von Jugendlichen – und trotzdem hat sich politisch bisher erstaunlich wenig bewegt. Meine zentrale These ist: Sichtbarkeit alleine reicht nicht, um Politik zu verändern. Es muss vielmehr gelingen, aus Daten und Befunden wirklich zugespitzte Botschaften abzuleiten, die richtigen Perspektiven sichtbar zu machen und daraus politische Forderungen abzuleiten. Diese Übersetzungsleistung fehlt meines Erachtens oft.

Weitblick Und motiviert wurde diese These durch eigene Frustrationserlebnisse?

Stilling Ja, das können Sie so sagen. Ich war in verschiedenen Projekten damit konfrontiert, wie die Perspektive junger Menschen regelrecht unsichtbar gemacht wurde. Einmal haben wir hier in Berlin eine Debatte zur sogenannten Ausbildungsumlage gehabt. Darin ging es immer wieder um die Perspektive der Wirtschaft, die sagte: Wir finden keine ausbildungsfähigen Jugendlichen, wir haben ein Passungsproblem. Gemeinsam mit dem DGB haben wir dann einfach die Perspektive umgedreht und gesagt: Das Problem ist offensichtlich da, junge Menschen finden keine Ausbildungsstelle und Betriebe finden keine Auszubildenden, dann fragen wir doch mal die jungen Menschen, wie sie das Thema eigentlich erleben.

Weitblick Und was kam heraus?

Stilling Schüler:innen und Auszubildende, die wir befragt haben, schilderten, dass sie von Betrieben geghostet werden. Sie schreiben Bewerbungen und kriegen noch nicht mal eine Eingangsbestätigung. Rund 41 Prozent berichteten, dass sie im Auswahlverfahren nicht gut behandelt wurden. Das sind Erfahrungen, die in gängigen Debatten oft einfach nicht vorkommen.

Kinderarmut: Eine riesige Datenlücke

Weitblick Und es gab noch ein zweites Erlebnis?

Stilling Ja, und ich ärgere mich immer noch darüber, weil wir es noch nicht gelöst haben. Das Statistische Bundesamt hat im letzten Jahr seine Veröffentlichungspraxis verändert. Im Rahmen des Mikrozensus werden nach wie vor jedes Jahr Unmengen an Daten erhoben. Ein Prozent der gesamten Bevölkerung wird befragt, unter anderem zu ihrem Einkommen. Aber seit letztem Jahr werden auf Basis dieser Daten keine Armutsquoten gemessen am Bundesmedian mehr ausgewiesen. Im Ergebnis haben wir nun eine riesige Datenlücke, zum Beispiel bei Zahlen zu Kinderarmut und Jugendarmut auf regionaler Ebene. Zentrale Daten, um Armutslagen junger Menschen differenziert zu analysieren und politisch einzuordnen, wurden quasi „unsichtbar“ gemacht. Die Situation junger Menschen droht dadurch armutspolitisch vom Radar zu verschwinden. Das Statistische Bundesamt sagt, die Daten seien ja da und Forschungsinstitute könnten den Zugang gerne beantragen. Nur: Wer etwas bewegen will, ist nicht zwangsläufig Forscher und Statistiker. Organisierte Interessenvertretungen, Verbände, Zivilgesellschaft, aber auch Politiker selbst sind auch darauf angewiesen, Daten zu haben, mit denen sie arbeiten können.

Weitblick Wo wir uns mit unserer Arbeit bewegen sind in den letzten Wochen mehrere Studien erschienen, etwa das Schulbarometer der Robert Bosch Stiftung oder die Trendstudie Jugend in Deutschland, die erneut gezeigt haben, wie es um die Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Schulen bestellt ist. Die Ständige Wissenschaftliche Kommission der Kultusministerkonferenz hat erst vor wenigen Tagen ein Gutachten zu datengestützter Schulentwicklung vorgelegt. Trotzdem entsteht nicht das Gefühl, dass bereits ein großer Ruck durch die Politik gegangen ist. Warum?

Stilling Das Paradox ist, dass viel Berichterstattung zum Teil sogar dazu führt, dass Politik entlastet wird, weil sie sagt: Das Thema ist ja präsent, wir reden ja drüber. Aber sie fühlen sich nicht unter Druck, wirklich zu handeln, weil niemand sie unter Druck setzt. Ich nenne das „trügerische Sichtbarkeit“. Viele Nachrichtenmeldungen behandeln aktuelle Studien. Medien lieben aktuelle Zahlen. Aber richtig spannend wird es erst, wenn jemand sich hinstellt und sagt: Was folgt denn jetzt daraus – und zwar konkret. Was man stattdessen sehr oft sieht, ist die Aussage: Wir haben eine gesamtgesellschaftliche Herausforderung, die Politik ist gefordert. Dann ist niemand Konkretes adressiert und niemand fühlt sich verantwortlich.

Wie Daten zeigen, dass etwas nicht stimmt

Weitblick Für uns sind Befragungsdaten ja die Grundlage eines auf Prävention und Gesundheitsförderung fokussierten Schulentwicklungsprozesses. Unsere Erfahrung ist, dass diese Daten manchmal Eindrücke bestätigen, die die Schulgemeinschaft sowieso schon hatte – aber häufig auch Dinge aufzeigen, die vorher noch nicht so klar waren. Deckt sich das mit Ihren Erfahrungen?

Stilling Wenn man die Menschen, mit denen man arbeitet, ernst nimmt und wirklich einfach mal nachfragt, was sie bewegt, dann wird man oft überrascht, was da alles kommt. Ich bin Fan von quantitativen Daten. Nicht, weil sie Realität eins zu eins abbilden, sondern weil sie eine Annäherung an das ermöglichen, was wirklich ist. Im Prinzip sind sie wie ein Fieberthermometer: Sie zeigen uns, dass etwas nicht stimmt. Wir wissen dann noch nicht sofort, woran es liegt und was helfen kann – aber wir sehen, dass etwas nicht stimmt. Genauso wichtig sind qualitative Erhebungen, Gespräche und Erfahrungsberichte, weil sie helfen zu verstehen, was hinter den Zahlen steckt. Beides zusammen liefert Evidenz und Ansatzpunkte, um aktiv zu werden.

Weitblick Eine Ihrer Aussagen beim Kongress war: Daten und Erfahrungen sichtbar zu machen ist Voraussetzung für wirksame Public-Health-Interventionen. Gäbe es noch einen Bereich, wo Sie sich Sichtbarmachung wünschen würden?

Stilling Für mich ist schon beachtlich, wie wenig soziale Ungleichheit als Kategorie überhaupt bei Policyforschung mitgedacht wird. Ich beschäftige mich seit 20 Jahren mit Armutsbetroffenheit, und für mich ist die Perspektive Betroffener und ausgegrenzter Menschen sehr zentral – nicht reduziert auf ihre Betroffenheit, sondern in einer Kommunikation auf Augenhöhe: Wir nehmen ernst, dass ihr Ideen habt zur Verbesserung eurer eigenen Situation. Das wird mir zu selten abgefragt. Quoten, Gefühle und Befindlichkeiten – ja, die werden erhoben. Aber einfach zu fragen: Was braucht ihr, damit es besser geht? Das ist eine Frage, die sehr selten gestellt wird.

Weitblick Konnten Sie denn mit den Daten zu Ausbildung in Berlin etwas bewegen?

Stilling Ja, die Ausbildungsumlage wird kommen. Und uns ist es gelungen, die Debatte zumindest temporär zu drehen und eine andere Perspektive in das Thema reinzubringen. Denn genau darum geht es: Daten sollen nicht nur beschreiben, sondern Debatten verschieben.

Weitblick Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Alexander Matzkeit

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