Das Risiko- und Schutzfaktorenmodell an Schulen, verständlich erklärt

10. Juli 2026
Eine Lup auf einer unscharfen Grafik. Unter dem Glas der Lupe ist eine Tabelle zu erkennen mit Wörtern wie "Verfügbarkeit von Drogen" und "Verfügbarkeit von Waffen"

Die Arbeit mit Risiko- und Schutzfaktoren ist eine wichtige Grundlage des Weitblick-Prozesses für Prävention im Schulkontext. Sie enthält den zentralen Gedanken, dass sich Probleme adressieren lassen, indem man Umgebungseinflüsse stärkt oder schwächt. Doch wie genau wirken diese Faktoren und was ist ihr Ursprung? 

 

Schulen begegnen im Alltag meist einer Vielzahl von Problemverhalten und gesundheitsbezogenen Herausforderungen bei ihren Schüler:innen. Von Unterrichtsstörungen und Mobbing bis hin zu Depressionen und Ängsten. Wenn Schulgemeinschaften beginnen wollen, sich diesen Herausforderungen zu stellen, sind die Fragen oft ähnlich: Wo fangen wir am besten an? Welche Themen sollten Priorität haben?  

Hinter beiden Fragen steht häufig eine weitere: Wie können wir Ursachen angehen, statt nur Symptome zu behandeln? Alle Fragen sind von entscheidender Bedeutung, wenn es darum geht, wirksame Prävention und Gesundheitsförderung in der Schule zu etablieren. Und die gleichen Fragen beschäftigen die Wissenschaft seit vielen Jahrzehnten. 

Die wissenschaftlichen Wurzeln des Risiko- und Schutzfaktorenmodells 

Die Ursprünge des Risiko- und Schutzfaktorenmodells liegen in der Resilienzforschung der 1970er und 1980er Jahre. Die Psychologin Emmy Werner begleitete in einer Längsschnittstudie auf der Hawaiianischen Insel Kauai rund 700 Kinder über einen Zeitraum von 40 Jahren und zeigte, dass diese trotz massiver Risikobelastung durch Armut oder Vernachlässigung gesund aufwachsen können, wenn sie beispielsweise über stabile Bezugspersonen und soziale Unterstützung verfügen .  

Parallel dazu entwickelte sich in der Entwicklungspsychologie das Konzept, psychische Störungen nicht isoliert, sondern als Ergebnis vieler miteinander interagierender Faktoren über die Entwicklung eines Kindes hinweg zu verstehen. Beispielsweise wies der Kinderpsychiater Michael Rutter 1970 nach, dass Risiken im Umfeld von Kindern sich gegenseitig verstärken und damit die Wahrscheinlichkeit für psychische Erkrankungen erhöhen. 

Aus diesen Forschungssträngen entwickelten die Soziologen Richard Catalano und J. David Hawkins an der University of Washington in den 1980er und 1990er Jahren die Soziale Entwicklungsstrategie. Darin steckte die Annahme, dass verschiedene Arten von antisozialem Verhalten – also Verhalten, das anderen schadet oder gegen gesellschaftliche Regeln verstößt, wie Drogenkonsum und Kriminalität – durch mangelnde soziale Bindung entstehen. Diese wird durch Faktoren beeinflusst, die sich fördernd oder belastend auf die Entwicklung und Gesundheit von Kindern und Jugendlichen auswirken: krankmachende Risikofaktoren und gesundheitsfördernde Schutzfaktoren. 

Was Risiko- und Schutzfaktoren konkret bedeuten 

Risikofaktoren erhöhen die Wahrscheinlichkeit, dass ein Kind ein oder mehrere Verhaltensprobleme entwickelt. Das können beispielsweise anhaltende Konflikte in der Familie oder eine fehlende Bindung zur Schule sein. Ein Risikofaktor kann dabei zu unterschiedlichen Problemverhaltensweisen beitragen. Schwache Schulbindung, zum Beispiel, wirkt sich gleichzeitig auf Mobbing, Schulabbruch und Substanzkonsum aus. Je mehr Risikofaktoren reduziert werden können, desto größer ist die Chance für eine positive Entwicklung und weniger Problemverhalten bei Kindern und Jugendlichen.  

Schutzfaktoren hingegen erhöhen die Chance auf positive Entwicklung. Gesunde Überzeugungen und klare Standards sowie positive Bindungen zu Bezugspersonen in der Familie, in der Schule oder unter Gleichaltrigen gelten als wichtige Schutzfaktoren.  

Dabei sind Schutzfaktoren nicht das Gegenteil von Risikofaktoren, sondern wirken als Puffer. Selbst wenn Kinder vielen Risikofaktoren ausgesetzt sind, können sie sich positiv entwickeln, wenn ausreichend Schutzfaktoren vorhanden sind. Sie bilden einen Schutzmantel, der den Risikofaktoren einen Teil ihrer Kraft nimmt. 

Welche Rolle Schulen bei Prävention spielen 

Wer Einflussfaktoren erkennt, hat die Chance, Maßnahmen zu ergreifen, um Risikofaktoren zu reduzieren und Schutzfaktoren zu stärken. Schulen spielen dabei eine zentrale Rolle. Denn neben Familie, Freundeskreis und Kommune ist die Schule einer der wichtigsten Lebensbereiche, in denen die Entwicklung von Kindern stattfindet.   

Schulische Maßnahmen können zum Beispiel Risikofaktoren wie Lernrückstände stark reduzieren, da diese in der frühen Entwicklungsphase eine Schlüsselrolle spielen. Außerdem kann die Schule verschiedene Schutzfaktoren gezielt fördern. Vor allem kann sie Kindern Gelegenheit und Anerkennung für positive soziale Mitwirkung geben und klare Werte und Normen vermitteln. Kinder und Jugendliche entwickeln sich positiver, wenn alle Erwachsenen und Gleichaltrigen um sie herum gesunde Überzeugungen unterstützen.  

Wenn also alle in der Schule Fragen respektieren und Kinder und Jugendliche ermutigen, Fragen zu stellen, kann dies dazu beitragen, Mobbing in der Klasse zu reduzieren. Genauso fällt es Kindern umso leichter, Regeln zu übernehmen, je mehr Anerkennung sie für ihr positives Verhalten bekommen, und je enger sie sich mit anderen Kindern und Erwachsenen in der Schule verbunden fühlen. Wer ein stabiles inneres Wertesystem als Schutzfaktor hat, ist widerstandsfähiger gegenüber Gruppen- und Peer-Druck und weniger bereit, problematisches Verhalten akzeptabel zu finden. 

Von der Theorie zur Praxis: Communities That Care und Weitblick 

In der Präventions-Praxis umgesetzt wurde die Forschung zu Risiken- und Schutzfaktoren von Catalano, Hawkins und anderen im Rahmenwerk Communities That Care (CTC). Es befähigt Kommunen, anhand lokal erhobener Daten genau die Risiko- und Schutzfaktoren zu identifizieren, die vor Ort am stärksten wirken, und gezielt evidenzbasierte Programme dagegen zu setzen, statt einzelne Symptome wie Sucht oder Gewalt isoliert zu bekämpfen. Weitblick basiert auf einer Abwandlung des CTC-Prozesses für Schulen. 

Seine Wirksamkeit hat das Modell mehrfach bewiesen: In den USA wurde in einer großen wissenschaftlichen Studie verglichen, wie es Jugendlichen in Gemeinden mit und ohne das Programm erging. Das Ergebnis: In den CTC-Gemeinden gab es deutlich weniger Jugendliche, die mit Alkohol, Drogen oder Straftaten begannen – und dieser positive Effekt hielt sogar bis ins Erwachsenenalter an. Auch in Deutschland wurde das Modell bereits getestet: Ab 2008 lief in Niedersachsen ein mehrjähriger Modellversuch an drei Orten (unter anderem in Hannover und Göttingen), der zeigte, dass sich der Ansatz gut auf deutsche Schulen und Kommunen übertragen lässt. Auch hier arbeiteten Schulen, Jugendhilfe und andere Einrichtungen danach besser zusammen, setzten gezielter wirksame Präventionsprogramme ein und konnten so Problemverhalten bei Jugendlichen verringern. 

Fazit: Ein neuer Blick auf Problemverhalten 

Der Schlüssel des Risiko- und Schutzfaktorenmodells liegt in einer Verschiebung des Blicks: Problemverhaltensweisen wie Gewalt und Delinquenz werden als Symptome der Störung sozialer Bindung wahrgenommen, die sich am besten dadurch beeinflussen lassen, dass Risikofaktoren geschwächt und Schutzfaktoren aufgebaut werden. Je geringer die Risikofaktoren und je stärker die Schutzfaktoren ausgeprägt sind, umso leichter ist gesundes Aufwachsen für Kinder und Jugendliche. Dies gilt nicht nur in größeren Sozialräumen wie einer Kommune, sondern auch in Schulen. 

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