Zwischen Fachberatung und Prozessbegleitung: Wie Weitblick Schulen durch die Präventionsarbeit begleitet

21. Juli 2026
Mehrere Frauen stehen, von der Seite gesehen, an einer Pinnwand. Eine von ihen, in schwarzer Jacke und blauer Bluse, deutet auf etwas an der Wand

Wenn Schulen fragen, ob wir eigentlich externe Fachleute, Berater:innen oder Moderator:innen sind, ist die ehrliche Antwort: von allem etwas, aber keines davon vollständig. Das Berufsbild der Weitblick-Prozessbegleitung in der schulischen Präventionsarbeit gab es zuvor so noch nicht. Die Aufgabe ist tatsächlich neu – und wir definieren sie stetig neu aus. 

Fachberatung und Prozessberatung: zwei Ansätze, eine Rolle 

Im Beratungskontext wird traditionell unterschieden: Fachberatung bringt inhaltliches Wissen mit, analysiert Problemlagen und empfiehlt Lösungen. Prozessberatung gestaltet Veränderungsprozesse und geht davon aus, dass die Lösungskompetenz bei der Organisation selbst liegt. Sie muss nur aktiviert und strukturiert werden. Beide Ansätze haben ihre Stärken, und beide haben ihre Grenzen, wenn sie für sich stehen. 

Die Schulentwicklungsforscherin Rita Königswieser hat die gezielte Kombination von Fach- und Prozess-Know-how in einer integrierten Beratungshaltung als "Komplementärberatung" beschrieben. Das trifft unsere Arbeit sehr gut. Der spezifische Fachkontext, aus dem wir diese Expertise einbringen, ist evidenzbasierte Prävention und Gesundheitsförderung im schulischen Setting, fundiert auf dem international anerkannten Präventionssystem Communities That Care (CTC). Das Fachwissen zu diesem Fachkontext ist in Schulen in der Regel nicht vorhanden, und es ist Teil unserer Begleitungsaufgabe, es in den Prozess einzuspeisen und schrittweise zu verankern. 

Gesundheitsbezogene Prävention im schulischen Kontext zu vermitteln ist komplex. Einerseits geht es um Daten, um Wirksamkeitsnachweise, um Wissen zu Risiko- und Schutzfaktoren für das Gesundheitsverhalten von Kindern und Jugendlichen. Es geht aber genauso darum, eine Steuergruppe aus Lehrkräften, Schulsozialarbeiter:innen, Schulleitung, Eltern und Schüler:innen durch einen langen, manchmal anstrengenden Prozess zu begleiten. Beides zu können und zu wissen, wann welches gefragt ist – das ist der Kern unserer Rolle. 

Fachlicher Hintergrund: evidenzbasierte Prävention an Schulen 

Der Weitblick-Prozess basiert auf CTC, einer strukturierten Vorgehensweise für die effektive Planung und Umsetzung von Präventionsmaßnahmen. Sie wurde ursprünglich in den USA entwickelt und vom Landespräventionsrat Niedersachsen erfolgreich nach Deutschland adaptiert. Diese Methode ermöglicht es, spezifische Bedarfe und verfügbare Ressourcen für die Präventionsarbeit genau zu identifizieren und darauf abgestimmte, wirkungsvolle Programme einzuführen. Ergänzt wird dieses Fundament durch das Europäische Präventionscurriculum (EUPC), das mehr als 20 Jahre Forschung zu Prävention und Gesundheitsförderung bündelt und die fachliche Kompetenz vermittelt, dieses Wissen in Organisationen in eine wirksame und nachhaltige Präventionspraxis zu überführen. 

Das ist unser fachlicher Hintergrund in jeder Begleitung. Wenn die Daten aus der Schulbefragung vorliegen, bringen wir diese Perspektive ein: Welche Risiko- und Schutzfaktoren sind besonders bedeutsam für diese Schule? Was sagt die Forschung zur Wirksamkeit bestimmter Maßnahmen? Welche Gelingensbedingungen müssen erfüllt sein, damit ein Präventionskonzept wirklich wirkt? Wir sprechen diese Einschätzungen aus, manchmal auch, wenn wir nicht explizit darum gebeten wurden. Das gehört zu unserer Verantwortung für die Qualität des Prozesses. 

Prozessuale Begleitung: systemische Haltung, Methoden und Moderation 

Gleichzeitig geht die systemische Grundhaltung, die unserer Begleitung zugrunde liegt, davon aus, dass die Lösungskompetenz bei der Schule liegt. Schulen wissen am besten, wie sie funktionieren, was ihr Kollegium bewegt, welche Rahmenbedingungen gelten. Diese Expertise ist unverzichtbar. 

Unsere Aufgabe ist es, diese Kompetenz zu aktivieren und mit dem fachlichen Wissen zu verbinden, das am Anfang noch nicht im System vorhanden ist. Dafür bringen wir konkrete methodische Mittel mit: systemische Fragen, die neue Perspektiven öffnen und die Steuergruppe in ihre eigene Lösungskompetenz bringen; Moderations- und Workshopmethoden, die Beteiligung strukturieren und unterschiedliche Stimmen der Schulfamilie produktiv zusammenführen; eine systemische Haltung, die Veränderung als gemeinsamen Suchprozess versteht. Wir halten die Richtung und bringen Klarheit, wenn der Prozess ins Stocken gerät: durch Struktur und Orientierung. 

Weiterentwicklung im Weitblick-Team 

Was uns dabei auch trägt, ist ein aktives Verständnis von Weiterentwicklung. Das Weitblick-Team bildet sich kontinuierlich fort – in fachlichen Themen wie Prävention, Gesundheitsförderung und Datenkompetenz ebenso wie in methodischen Bereichen wie Workshopgestaltung, Moderation und systemischer Begleitung. Regelmäßige Auseinandersetzung mit Fachliteratur, Supervision und der Austausch mit anderen Akteur:innen im Feld gehören genauso dazu wie das Lernen voneinander im Team selbst. Für ein wissenschaftsbasiertes Angebot wie Weitblick ist die Bereitschaft zur permanenten fachlichen und methodischen Weiterentwicklung Voraussetzung. 

Situativer Rollenwechsel: Fachwissen und Prozessbegleitung im Wechsel 

Was Weitblick-Prozessbegleitungen kennzeichnet, ist die Fähigkeit, bewusst und situationsabhängig zwischen diesen beiden Haltungen zu wechseln. Königswieser spricht hier von einem "Oszillieren zwischen Fach- und Prozess-Know-how". Die Aufgabe lautet: Beides lebendig im Blick zu behalten und im richtigen Moment das Richtige tun. 

Ein konkretes Bild: Bei der Übergabe eines Schulberichts, der auf Problemlagen hinweist, die die Steuergruppe nicht erwartet hat, ist beides gleichzeitig gefragt. Die fachliche Einordnung: was bedeuten diese Zahlen, was folgt daraus? Und die prozesshafte Haltung: Was macht dieser Moment gerade mit den Menschen im Raum? Was brauchen sie, um ihn als Ausgangspunkt zu erleben? Erst wenn beides zusammenkommt, kann die Steuergruppe gut weiterarbeiten. 

Kompetenzübergabe als Ziel der Prozessbegleitung 

Als Weitblick-Prozessbegleitungen arbeiten wir konsequent darauf hin, überflüssig zu werden. Das klingt paradox, ist aber der Kern nachhaltiger Begleitung. Wir geben Fachwissen und Prozesskompetenz so weiter, dass die Steuergruppe ihren Präventionsprozess am Ende selbst tragen und verantworten kann. 

Wie das aussieht, hat mir selbst eine Schule kürzlich gezeigt. Die Steuergruppe, die mit Weitblick kurz vor der Fertigstellung ihres Präventionskonzepts stand, stieß im Kollegium auf Widerstand. Die Steuergruppe wandte sich an mich: Kannst du fachlich Stellung nehmen und uns Argumente geben? 

Ich gab die Frage zurück: Wie würdet ihr es denn selbst beantworten? 

Ihre Antwort konnten die Mitglieder der Steuergruppe passgenau formulieren – auf Basis der Daten und Wirksamkeitskriterien, über die wir gemeinsam gesprochen hatten. Gleichzeitig entstand Raum für die andere, genauso wichtige Frage: Was braucht das Kollegium, um sich wirklich auf die Umsetzung einzulassen? Auch dafür hatte die Steuergruppe Ideen, weil wir diese Frage im Laufe des Prozesses immer wieder gemeinsam in den Blick genommen hatten. 

Als Prozessbegleitungen erleben wir solche Momente als gelungen. Die Steuergruppe hatte ein Präventionsverständnis entwickelt und mit unserer Unterstützung die Kompetenz aufgebaut, diesen Prozess weiterzutragen. Und wir konnten einen Schritt zurücktreten. 

Genau das ist das Ziel. 

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