Schulentwicklung: „Gesundheit ist Grundlage für gute Leistungen“

Kategorien: Schulentwicklung
17. August 2026

Dennis Sawatzki ist Geschäftsführer des Instituts für Schulentwicklung und Hochschuldidaktik (ISH) und Systemischer Coach (SG). Im Gespräch erklärt Dennis, warum Schulen Gesundheit oft falsch wahrnehmen und deswegen falsch priorisieren.

Weitblick Was passiert aus Deiner Perspektive, wenn sich die beiden Felder Bildung und Gesundheit begegnen?

Dennis Sawatzki Gesundheit wird an Schulen häufig eher als eine Zusatzaufgabe verstanden, mit der man sich befassen muss, obwohl sie doch eigentlich Privatangelegenheit oder private Aufgabe wäre. Das heißt: Diese Klarheit im Selbstverständnis einer Schule über Verhaltens- und Verhältnisprävention fehlt an verschiedenen Stellen. Da kann eine gewisse Informiertheit und Aufklärungsarbeit hilfreich sein und die Schulen dafür sensibilisieren, dass psychische Gesundheit eine Grundlage und Grundvoraussetzung dafür ist, dass gute Leistungen auch erbracht werden können. Damit gute Bildung auch auf fruchtbaren Boden fällt. Insofern kann eine Fortbildung oder Beratungsleistung Schulen wirklich noch mal aus einem gewissen tradierten, aber überholten Verständnis über Gesundheit herausbegleiten.

Partizipation wird als Bedrohung empfunden

Weitblick Hast du dafür Lieblingsmethoden oder Lieblingsansätze entdeckt, die sich als besonders effektiv erwiesen haben?

Dennis Sawatzki Für die allermeisten Schulen ist das Thema Partizipation ein sehr guter Anknüpfungspunkt. Jede Schule, so meine Erfahrung, hat den Selbstanspruch, zu einem gewissen Grad partizipativ zu sein, bewegt sich aber oft noch auf einer Vorstufe dazu. Ich erlebe Schulen oft als sehr empfänglich für Methoden, die dabei helfen, auf eine niedrigschwellige Art und Weise echte Partizipation zu eröffnen. Es wird in der Regel zwar nicht so ausgesprochen, aber ich habe manchmal den Eindruck, dass für ein hierarchisch organisiertes Schulsystem in Partizipation auch eine gewisse Bedrohung steckt. Die Bedrohung, dass Dinge ja vielleicht ganz anders laufen könnten, als die Leitungsebene es gemeint und geplant hatte. Partizipation geht mit Kontrollverlust einher. Den nicht per se als etwas Negatives zu konnotieren, braucht positive Erfahrungen. Das heißt, es braucht die Räume, in denen Partizipation stattfindet und die gleichzeitig die Erfahrung generieren: Das ist ja doch gar nicht so schlimm. Ganz im Gegenteil, das bietet uns ja vielfältige Vorteile in Bezug auf Verantwortungsteilung, Perspektivabgleich und Qualitätsentwicklung.

Weitblick Wie würdest Du den Begriff Schulentwicklung – im Kontext von Organisationsentwicklung – fassen und was macht Schulen als Organisationen im Vergleich zu z.B. Unternehmen besonders?

Dennis Sawatzki Schulentwicklung ist für mich ein übergeordneter Begriff, der ganz vieles umfasst: Personalentwicklung, Unterrichtsentwicklung, Erziehungsentwicklung und natürlich gehört auch immer Organisationsentwicklung dazu: Was für eine Organisation, was für eine Schule wollen wir sein? Was ist unsere Vision von unserer Schule der Zukunft? Haben wir ein Leitbild? Wie ist unser Schulprogramm aufgestellt? Das Besondere im Vergleich zu anderen Organisationen wie Unternehmen ist, dass Schulen auf der einen Seite eine gewisse Autonomie zugestanden und gleichzeitig auf der anderen Seite eine hohe Abhängigkeit von schulstrukturellen Rahmenbedingungen zugemutet wird. Innerhalb dieser Bedingungen, von Schulgesetz bis Bildungsföderalismus, ist der Bewegungsradius teilweise sehr stark limitiert. Das zieht auch Unterschiede nach sich im Bereich Führungs- und Entscheidungskultur. Lehrkräfte haben einen relativ hohen Freiheitsgrad, wie sie ihren Unterricht gestalten: wenig Rechtfertigung, auch wenig Handhabung durch die Schulleitenden. Was ist, wenn jemand sich an unser pädagogisches Konzept nicht hält? Wie kann ich die Person eigentlich auch dazu ein Stück weit verpflichten? Da habe ich im Kontext von Unternehmen ganz andere Möglichkeiten, und das prägt natürlich eine Schulkultur ganz wesentlich.

Der Systemische Blick hilft, Komplexität zu bewältigen

Weitblick Angesichts dieser Komplexität mit sehr vielen Beteiligten – braucht es einen systemischen Ansatz, um hier hilfreich Entwicklung zu unterstützen?

Dennis Sawatzki Ja, unbedingt. Ich habe den Eindruck, dass wir Komplexität nur mit Hilfe eines systemischen Blicks überhaupt bewältigen können. Ohne laufen wir Gefahr, die Komplexität unzulässig zu reduzieren. Schule ist, wie sie ist, und wandelt sich langsam, und muss auch entsprechend von allen Beteiligten, von innen wie von außen, erst einmal auch als solches verstanden und durchdrungen werden. Eine Schule hat ihre eigene Systemlogik, ihre eigene Systemsprache. Um Schule zu entwickeln, zu verändern, zu transformieren, muss ich von innen wie von außen die Zusammenhänge und Bezüge verstehen, die systemischen Verbindungslinien zwischen Kollegium und Schulleitung, zwischen Kollegium und Elternschaft, zwischen Schule und Schülerschaft, zwischen Schule und Bezirksregierungen, Landesinstituten und so weiter. Da sind so viele Player beteiligt, weil Schule im Endeffekt ja auch eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe ist, und sich Schule auch immer mehr in den Sozialraum hin öffnen muss. Nur mit einer systemischen Brille können wir zwischen diesen Systemlogiken und Systemsprachen vermitteln, übersetzen und verhandeln. Und das Systemische geht ja lösungs- und ressourcenorientiert vor. Es geht davon aus, dass jede Person innerhalb des Systems Schule für ihr eigenes Handeln aus ihrer Perspektive einen guten Grund hat. Und wenn ich danach fahnde, habe ich auch eine Chance, über Verständigung zu einem wechselseitigen Verständnis zu gelangen und aus dem Verständnis vielleicht hier und da auch ein Einverständnis werden zu lassen.

Weitblick Gilt das nur, wenn man so abstrakt draufschaut, oder gilt das auch für einzelne Prozessbegleitungen? Sollten die eine systemische Ausbildung mitbringen?

Dennis Sawatzki Ich würde das so beantworten, dass es in jedem Fall hilft. Ob es notwendig ist – dem würde ich selber ein Fragezeichen hinzufügen, weil ich auch vor meiner eigenen systemischen Weiterbildung Schulen beraten und begleitet habe und auch retrospektiv glaube, dass das nicht ganz verkehrt war.

Viele Schulen erwarten konkrete Ratschläge

Weitblick Trotzdem hast du vor kurzem geschrieben: „Schlussendlich beißen sich eine konsequent systemische Prozessbegleitung und ein Schulsystem, das um Rat und Orientierung bittet.“ Wie meinst du das?

Dennis Sawatzki Schule ist ja traditionell ein Bewertungs- und Selektionssystem. Das heißt, ein normatives Denken ist in der Institution Schule angelegt. Dementsprechend begegne ich auch immer wieder der Erwartungshaltung: Wenn ein Schulentwicklungsberater oder eine Prozessbegleiterin von extern kommt, dann erwarten viele Schulen zunächst ganz konkrete Ratschläge, also eine fachliche Beratung, die den Schulen sagt: Macht dies, dann passiert jenes, das kann ich euch versprechen. Aber so funktioniert das natürlich im komplexen System Schule nicht. Eine Schule brächte sich außerdem in eine Abhängigkeit von dieser Begleitinstanz und würde ja nicht in ihrer Selbstkompetenz, Problemlösekompetenz und Autonomie gestärkt werden. Ich muss also klarmachen, dass ich mich als Prozessberater begreife. Ich berate über den Prozess, den ihr einschlagen könnt, und ich begleite diesen Prozess auch. Und ich mag vielleicht auch mal punktuell meine fachliche Perspektive oder Expertise mit einfließen lassen, das ist aber nicht per se meine Aufgabe. Das führt zuweilen zu Enttäuschungen bei den Schulen, die genau damit geliebäugelt und gerechnet haben.

Weitblick Wo hast du in der Arbeit mit Weitblick die größten Überschneidungen zu deiner eigenen Arbeit wahrgenommen?

Dennis Sawatzki Uns verbindet der Fokus auf Gesundheit – und zwar auf einen weiten Begriff von Gesundheit, bei dem es auch um schulisches Wohlbefinden geht. Wir haben beide einen Whole-School-Approach im Blick. Mein Eindruck ist, dass es darum geht Schulen in ihrer gesamten Schulentwicklung zu professionalisieren. Dafür ist das Thema Gesundheit ein sehr zentrales, relevantes und elementares und gleichzeitig, nach meinem Dafürhalten, dennoch ein theoretisch austauschbares. Wir könnten auch genauso über eine gelebte Kultur der Digitalität mit der Schule sprechen oder über ein agiles Mindset, und wir würden den Schulen wahrscheinlich von der Arbeits- und Herangehensweise Ähnliches vermitteln und sie auf eine ähnliche Art und Weise begleiten.

Es geht um gesundheitsförderliche Strukturen

Weitblick Eine interessante These. Hast du ein Beispiel dafür?

Dennis Sawatzki Ich mache für das Landesprogramm Bildung und Gesundheit in Nordrhein-Westfalen viele Leitbildprozesse, bei denen Schulen ein gesundheitsorientiertes Leitbild einreichen müssen. Dabei wird immer wieder deutlich: Es ist zweitrangig, ob als Überschrift über dem Leitbild “Gesundheit” steht, oder ob Gesundheit ein integraler, aber tragfähiger Bestandteil des Leitbildes ist. Die Schulen machen sich manchmal selbst den Druck: Müssen wir das jetzt alles irgendwie auf Gesundheit beziehen? Da sage ich dann: Denkt es mal andersrum. Wenn ihr sagt, wir möchten eine demokratische Schule mit echten Partizipationsräumen, mit einer gelebten Feedbackkultur, mit einer gesunden Fehlertoleranz, mit einem agilen Mindset und so weiter, dann ist eure Schule gesund und resilient. Es geht ja auch um gesunderhaltende und gesundheitsförderliche Strukturen, um Wissenschaftsorientierung und das Stützen auf Daten: Es braucht am Anfang eine Bestandsaufnahme, eine Standortanalyse, damit man einen Vorher-Nachher-Vergleich überhaupt herstellen und Wirksamkeit überprüfen kann. Und damit man datenbasiert Entscheidungen darüber treffen kann, was vielleicht angepasst werden muss.

Weitblick Vielen Dank für das Gespräch, Dennis.

Das Interview führte Alexander Matzkeit

Wer tiefer in das Thema systemische Schulentwicklung eintauchen will, für den bietet das ISH speziell für schulische Akteurinnen Weiterbildungen auf verschiedenen Stufen an, von kleinen, kurzen, zweitägigen Kompaktseminaren bis hin zu zertifizierten und als Weiterbildung anerkannten Grund- und Aufbaukursen.

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