Seit Beginn wird der Weitblick-Prozess wissenschaftlich begleitet und evaluiert. Nun wurde erste Ergebnisse veröffentlicht. Sie sprechen dafür, dass die Anpassung eines kommunalen Präventionssystems an das schulische Setting mit Weitblick gelungen ist.
Zu tun, was wirkt, ist für Weitblick enorm wichtig. Das gilt für die Schulen, die wir begleiten und denen wir dazu raten, evidenzbasierte Präventionsprogramme der Grünen Liste Prävention umzusetzen, und nachweislich unwirksame Programme loszulassen. Aber es gilt auch für den Weitblick-Prozess selbst.
Weitblick basiert auf Communities That Care (CTC), ein kommunales Präventionssystem, dessen Wirksamkeit und Ansatz – das Identifizieren und Beeinflussen von Risiko- und Schutzfaktoren in einem sogenannten Setting, also einer Umgebung, die den Alltag von Menschen prägt – mehrfach nachgewiesen wurde. Weitblick ist eine Anpassung von CTC und muss sich daher neu beweisen. Deswegen wird Weitblick seit Beginn durch eine Evaluation der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) begleitet. Die Forscher:innen der MHH sprechen mit Akteur:innen an den von Weitblick begleiteten Schulen und finden so heraus, ob das, worum Weitblick sich bemüht, auch ankommt.
Was sich jetzt schon messen lässt
Einen Prozess wie Weitblick zu evaluieren, braucht Zeit. Erste Ergebnisse in der Senkung oder Steigerung von Risiko- und Schutzfaktoren sind an Weitblick-Schulen frühestens ein Jahr nach Abschluss des Weitblick-Prozesses zu erwarten. Niedrigere Werte bei den gemessenen problematischen Verhaltensweisen wie Gewalt oder Substanzkonsum sogar erst etwa drei Jahre nach Abschluss. Beides sind Ziele, an denen sich Weitblick eines Tages messen lassen muss.
Der Weitblick-Prozess selbst soll etwa zwei Jahre dauern, bis er abgeschlossen ist. Die ersten Weitblick-Schulen sind in der zweiten Jahreshälfte des Jahres 2023 gestartet und haben zunächst länger als die geplanten zwei Jahre gebraucht, um den Prozess abzuschließen. Die ersten Abschlüsse gab es daher erst im Frühjahr 2026.
Dennoch gibt es mittelfristige Veränderungen an den Schulen, die sich bereits messen ließen. Dazu haben die Forscher:innen der MHH Ende Juli 2026 einen wissenschaftlichen Aufsatz publiziert: Dominik Röding, Isabell von Holt, Lea Decker und Ulla Walter: „‘Capacity Building‘ an Schulen – Schullevelanalysen zur Effektivität der Intervention Weitblick“.
Ergebnisse und Schlussfolgerungen
In Ihrem Aufsatz zeigen sie, dass sich bereits zum jetzigen Zeitpunkt positive Entwicklungen an den Weitblick-Schulen nachweisen lassen. Untersucht wurden dabei verschiedene Bereiche der Präventionskapazitäten einer Schule – also die Fähigkeiten und Voraussetzungen, die eine Schule benötigt, um wirksame Prävention langfristig und systematisch umzusetzen.
Für zwei dieser Bereiche zeigen sich deutliche Fortschritte: Zum einen hat die Kompetenz der Schulen zugenommen, einen wissenschaftsbasierten Präventionsansatz zu übernehmen. Zum anderen hat sich die intersektorale Kooperation verbessert – also die Zusammenarbeit verschiedener Akteure innerhalb und außerhalb der Schule, die gemeinsam zu wirksamer Prävention beitragen können. Die beobachteten Entwicklungen sind mit Ergebnissen aus Studien zu CTC vergleichbar. Die bisherigen Ergebnisse liefern erste Hinweise darauf, dass sich zentrale Prinzipien des ursprünglich auf Kommunen ausgerichteten CTC-Ansatzes mit Weitblick erfolgreich auf Schulen übertragen lassen.
In ihrem Fazit für die Praxis schlussfolgern Dominik Röding und seine Kolleginnen unter anderem drei Dinge:
- Schulische Gesundheitsförderung profitiert von systematischer Kompetenzentwicklung.
- Wissenschaftsbasierte Prävention lässt sich auch im Setting Schule umsetzen.
- Einzelmaßnahmen sollten in eine schulweite Präventionsstrategie, wie sie Weitblick entwickelt, eingebettet werden.
Für uns bei Weitblick bedeutet das: Unsere Art,
- Schulen über einen längeren Zeitraum eng durch einen evidenzbasierten Prozess zu begleiten,
- die Steuergruppen währenddessen zu Expert:innengremien für wissenschaftsbasierte Prävention zu machen,
- damit sie die dazugehörigen Prinzipien nachhaltig an ihrer Schule verankern können,
scheint im Großen und Ganzen zu funktionieren.
Im Folgenden erklären wir genauer, wie und was genau gemessen wurde.
Wie wurden die Daten verglichen?
Die MHH profitiert davon, dass laufend neue Schulen in den Weitblick-Prozess einsteigen – ungefähr ein Dutzend alle sechs Monate. Dieser zeitversetzte Einstieg ermöglicht ein sogenanntes sequentielles Längsschnitt-Studiendesign. Als Ausgangspunkt dienen die „Baseline“-Werte der später rekrutierten Schulen: Sie werden zu einem sehr frühen Zeitpunkt erhoben, an dem Weitblick noch keinen größeren Einfluss auf die Präventionskapazitäten der Schulen gehabt haben kann. Diesen Ausgangswerten werden die Ergebnisse späterer Befragungen an Schulen gegenübergestellt, die bereits länger am Weitblick-Prozess teilnehmen und entsprechend weiter fortgeschritten sind. So lässt sich untersuchen, ob sich die Präventionskapazitäten mit fortschreitender Weitblick-Umsetzung verändern.
Durch verschiedene Selektionsverfahren und Ausschlusskriterien konnte die MHH auf diese Art elf Weitblick-Schulen der ersten „Welle“, die Ende 2023 und Anfang 2024 startete, mit 29 Noch-Nicht-Weitblick-Schulen der nächsten zwei Wellen vergleichen. Die Befragungen der MHH laufen weiterhin an allen bisher rund 70 Weitblick-Schulen, so dass die Ergebnisse in Zukunft auf einer immer breiteren Datenbasis stehen werden.
Wer wurde befragt?
Die Messergebnisse der MHH basieren auf Befragungen von Schlüsselpersonen an den Weitblick-Schulen. Zunächst werden die Schulleitung und die Mitglieder der Weitblick-Steuergruppe befragt. Die Mitglieder der Steuergruppe benennen anschließend weitere Personen, die aus ihrer Sicht gute Einblicke in die Strukturen und Abläufe der Schule haben – sogenannte „Key Informants“. Weitere Key Informants werden über einen Aufruf der Schule gewonnen. In Online-Befragungen oder telefonischen Interviews geben diese Schlüsselpersonen ihre Einschätzungen zu den schulischen Rahmenbedingungen und Präventionskapazitäten ab. Indem die Angaben mehrerer Personen zusammengeführt werden, entsteht ein möglichst breites Bild der Gegebenheiten an der jeweiligen Schule. Auf dieser Grundlage lassen sich schließlich Werte für die schulischen Präventionskapazitäten schätzen.
Für die bisherige Auswertung wurden 49 Personen an den bereits weiter im Weitblick-Prozess fortgeschrittenen Schulen befragt. Als Vergleich dienten die Baseline-Befragungen von 205 Personen an später rekrutierten Weitblick-Schulen.
An den weiter fortgeschrittenen Schulen wurden zwei Messzeitpunkte betrachtet: Die erste Befragung fand etwa zwei Monate nach dem Erstgespräch statt. Die zweite erfolgte rund um den Beginn von Phase 3, kurz vor der Erstellung des Präventionskonzepts – und damit ungefähr ein Jahr nach der ersten Befragung. Die Ergebnisse dieser späteren Befragung wurden den Baseline-Werten der später rekrutierten Schulen gegenübergestellt.
Was genau wurde gemessen?
Das wichtigste Messergebnis der Studie bezieht sich darauf, wie weit ein wissenschaftsbasierter Präventionsansatz bereits von den Schulen übernommen wurde. Diese Übernahme wird auf einem Index zwischen 0 und 4 ausgewiesen, wobei Stufe 0 „kein/wenig Bewusstsein für wissenschaftsbasierte Prävention“ bedeutet, in Stufe 1 ein Bewusstsein über ihre Konzepte besteht, in Stufe 2 Daten erhoben werden, in Stufe 3 diese Daten genutzt werden, um besonders wichtige Handlungsfelder zu bestimmen und passende Präventionsmaßnahmen auszuwählen und und in Stufe 4 die Erhebung regelmäßig zur Überprüfung der Maßnahmen wiederholt wird.
Zwischen den beiden Befragungszeitpunkten stieg der Wert an den weiter fortgeschrittenen Weitblick-Schulen von 1,6 auf 2,3. Die Baseline-Werte der später rekrutierten Schulen, die als Vergleich dienten, blieben dagegen weitgehend unverändert. Knapp drei Viertel (72,7 Prozent) der Schulen hatten ein Jahr nach der ersten Befragung bereits Stufe 2 erreicht, ein weiteres Viertel schon Stufe 3. Die gemessene Entwicklung entsprach somit dem Fortschritt im Weitblick-Prozess.
Außerdem wurde gemessen, wie sich vier Merkmale der Schulen verändert haben, die für gute Präventionsarbeit hilfreich sind: Intersektorale Kooperation (Zusammenarbeit verschiedener Akteure in der Schule), Integrierte Strategie, Rückhalt für Prävention und Soziale Normen. Eine deutliche Veränderung zeigte sich bei der intersektoralen Kooperation: Die Zusammenarbeit nahm so stark zu, dass der Unterschied statistisch signifikant war – also mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht allein auf zufällige Schwankungen zurückzuführen ist. Bei der integrierten Strategie und beim Rückhalt für Prävention waren die Veränderungen dagegen zu gering, um statistisch eindeutig zu sein. Die sozialen Normen gingen leicht zurück. Weitere Befragungen werden zeigen, ob sich auch bei diesen Merkmalen mit der Zeit deutlichere Veränderungen zeigen.
Foto von Maxim Berg auf Unsplash
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